Jubilee Line, Waterloo.

Die hinunterrasselnden Rolltreppen bewegen sich ohne Unterbrechung, Tag und Nacht, stetig, rastlos: in der Rush Hour, wenn Commuter dicht an dicht drängeln oder um 2 Uhr morgens, dann völlig leer, klopfende, scheppernde, ewig abwärts gleitende mechanische Ungeheuer, Perpetuum Mobiles des Public Transports. Die Kanten der metallgerippten Stufen sind in weichen Bögen abgerundet, poliert von tausenden und abertausenden Schuhen, auf der linken Seite tiefer als rechts: links gehen, rechts stehen.

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Waterloo

Er war Mitte 50, mit auffälliger Designerbrille und leicht zurückstehendem Unterkiefer, im freundlichen Gesicht eine Kartoffelnase, Dreitagebart, trug Sakko zur Jeans, seine ganze Erscheinung bemüht jugendlich, locker, zu locker. Seine Eroberung, 15 Jahre jünger, von sekretärinnenhafter Attraktivität, mit dünnen, hängenden Haaren, unscheinbar im Businesskostüm, schmiegte sich an ihn.

Kichernd flüsterten sie sich Zärtlichkeiten ins Ohr, kitzelten und neckten sich, als der Zug der Waterloo & City Line in den morgendlich überfüllten U-Bahnhof einfuhr.

Die Menge der schweigend Wartenden war unübersehbar, dicht gedrängt, Kopf an Kopf, Körper an Körper füllte sie den Bahnsteig, ordnete sich zur vierfachen Schlange, die sich aus dem Tor heraus, breit die Treppen ausfüllend auf die Zwischenebene wand, wo der Schlangenschwanz weite Bögen beschrieb und sich schließlich in hastender Geschäftigkeit verlor.

Hier befand sich ein kleiner Monitor und man konnte beobachten, was unten am Bahnsteig passierte: drei der in kurzem Abstand startenden U-Bahnen dauerte es, drei mal musste sich die Menge trippelnd in Bewegung setzen und wieder stoppen, bis man auf dem Bahnsteig anlangte. Einen der raren Sitzplätze in der Bahn bekam nur, wer, geduldig Schritt für Schritt vorrückend, direkt vor der Tür des einfahrenden Zuges zum Stehen kam.

Die beiden Verliebten hatten Glück, drängten händchenhaltend in den Waggon und ließen sich in die der Tür nächsten Sitze fallen. Stolz auf diesen morgendlichen Erfolg beugte er sich lächelnd zu ihr, spitzte die Lippen, ganz nah vor ihrem Gesicht und stieß ein triumphierendes „Boooom!“ aus, das sie mit einem zärtlich-bewundernden „Boom!“ erwiderte. Dann rieben sie ihre Nasenspitzen.

15.12.15: Barbican, London

Der mittägliche Besuch im Barbican löst warme, wohlige Gefühle aus: Musik,  Kultur, die Intensität der Sechzigerjahre-Architektur, spärliches Kunstlicht im Inneren, das Glück, Bestandteil eines Größeren, unter Gleichgesinnten zu sein. Durch ein Fenster sehe ich eine Cellistin konzentriert üben, ihr Lehrer wendet den Blick nicht, versunken in die Musik. Die  Springbrunnen und Kaskaden unter dem überdachten High Walk rauschen, ein athletischer, junger Tänzer, das Haar einseitig geschoren, gekleidet in Schwarz, dreht Pirouetten, wieder und wieder, das Wasser sein Orchester. Schrieb S., dass ich sie liebe, ein Gefühl, das mich unversehens überwältigte. Sie, das Leben, die Kunst, die Künstler.

Alt und Neu

Der Walbrook-Club, gelegen im Herzen des alten Londoner Finanzdistrikts Square Mile, ist einer der exklusivsten „Members only“ Dining Clubs in London. Das in den 1950ern im Queen Ann-Stil errichtete Gebäude duckt sich seltsam verloren im Schatten der proportionslosen modernen Glasfassaden.

Unter Wasser

Mehr als 260 Wolkenkratzer sollen in London neu entstehen, viele davon in Canary Warf, dem Bankenviertel gewordenen alten Hafengelände, in Zukunft Wohnbezirk für Tausende – oder Immobilieninvestoren-Geisterstadt. Auch unter der Wasserlinie wird gebaut. Nur keinen Meter Grund verschwenden!