Analog

Seit heute verzichte ich probeweise auf Schreib-Apps, Synchronisierung, Verschlagwortung und Cloud-Speicherung. Weniger Ablenkung, kein Internet, keine Mails, kein Smartphonismus, nur Schreiben in seiner nackten Urform. Vorausgesetzt, dass ich das Notizbuch dabei habe.

 

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Erstaunliche Wendung

Mein Kollege M. gab bereitwillig Auskunft, geschmeichelt, dass ich mich interessierte: Ja, die Kolumnenschreiberei für das regionale Magazin mache Spaß, aber – das wüssten bisher nur wenige seiner Freunde – einen Roman würde er verfassen, ein richtiges Buch.

M. blickte sich prüfend um, neigte sich zu mir und raunte verschwörerisch: nur ein wenig mehr Disziplin, die Story sei bereits vollständig entwickelt und er habe sogar schon angefangen zu schreiben! Dann breitete er die Handlung vor mir aus, während ich mit ungläubiger Überraschung zuhörte, den Mund halb offen, sprachlos.

Hatte M. meine Notizen gelesen? Hatte jemand nicht dichtgehalten? Unmöglich! Ich hatte kaum jemandem überhaupt von meinem Buch erzählt. War die Idee so naheliegend? Wie viele andere Autoren versuchten sich gerade daran? Abweichungen in Details, aber sonst: der gleiche Plot!

Was nun?

Schreiben.

Schreiben also, eine Novelle, einen seichten Schmöker, einen Ratgeber, ein Jugendbuch.

Die Idee tauchte immer wieder einmal auf, seit meinen frühen Science Fiction-Versuchen als Teenager und den mühsamen Abhandlungen in lederner Sprache im Studium, drängte sich ins Halblicht des Unterbewusstseins, für einige Augenblicke ein vager Umriss eines Gedankens, und ging doch stets im Strom des Alltags unter.

Und dann, beim Laufen am Fluss, ein Handlungsfragment, eine unvermittelte Eingebung, drei Kilometer weiter angereichert mit Figuren, mit Schauplätzen und weiteren Handlungssträngen, zur Geschichte gewachsen.

Schreiben beginnt mit Lesen. Selbst wenn die Geschichte nie begonnen, nie vollendet wird: die Bücher, die ich lese, für die ich mir Raum schuf, den ich glaubte nicht zu haben, sind mir Belohnung genug.

Dies ist mein Notizbuch.