1. Dezember – ein konsumkritisches Gedicht

Still im Schnee die festliche Stadt,
Geschmückte Tannen, Sterne und Lichter,
Rotbemützte weißbärt‘ge Gesichter,
Oh, wie hatte er Weihnachten Ostern Hipster Kaufhäuser satt!

Bild: Dr. B Gross, CC Some Rights Reserved

Alt und Neu

Der Walbrook-Club, gelegen im Herzen des alten Londoner Finanzdistrikts Square Mile, ist einer der exklusivsten „Members only“ Dining Clubs in London. Das in den 1950ern im Queen Ann-Stil errichtete Gebäude duckt sich seltsam verloren im Schatten der proportionslosen modernen Glasfassaden.

Romantisches Herbstgedicht

Sieh! Wie die Wolken hektisch ziehn,
Und der Sturm um’s Hauseck heult,
Regen prasselt, Blätter stieben,
Da! Fliegt ein Hut, ganz ausgebeult,
Sauwetter. Erstmal einen Kaffee brühn.*

*Jene, denen unsaubere Reime ein Graus sind, sollten die letzte Zeile in sächsischer Mundart lesen.

 

Erstaunliche Wendung

Mein Kollege M. gab bereitwillig Auskunft, geschmeichelt, dass ich mich interessierte: Ja, die Kolumnenschreiberei für das regionale Magazin mache Spaß, aber – das wüssten bisher nur wenige seiner Freunde – einen Roman würde er verfassen, ein richtiges Buch.

M. blickte sich prüfend um, neigte sich zu mir und raunte verschwörerisch: nur ein wenig mehr Disziplin, die Story sei bereits vollständig entwickelt und er habe sogar schon angefangen zu schreiben! Dann breitete er die Handlung vor mir aus, während ich mit ungläubiger Überraschung zuhörte, den Mund halb offen, sprachlos.

Hatte M. meine Notizen gelesen? Hatte jemand nicht dichtgehalten? Unmöglich! Ich hatte kaum jemandem überhaupt von meinem Buch erzählt. War die Idee so naheliegend? Wie viele andere Autoren versuchten sich gerade daran? Abweichungen in Details, aber sonst: der gleiche Plot!

Was nun?

Wüchse die Hoffnung

Wüchse die Hoffnung an einem Strauch,
Und die Freude an einem Baume,
Welch‘ herrlichen Strauß man pflücken könnt‘
In diesem Blütentraume!

Doch ach! Im stürmischen Herbst,
Wenn zarte Blumen vergehn im Wind,
Wie bewahrten wir Hoffnung, wie Freude,
die bald schon verblasset sind?

Christina Rossetti (1813-1894), Übersetzung C. Benedix

From SING-SONG (1893 )

If hope grew on a bush,
And joy grew on a tree,
What a nosegay for the plucking
There would be!

But oh! in windy autumn,
When frail flowers wither,
What should we do for hope and joy,
Fading together?

Unter Wasser

Mehr als 260 Wolkenkratzer sollen in London neu entstehen, viele davon in Canary Warf, dem Bankenviertel gewordenen alten Hafengelände, in Zukunft Wohnbezirk für Tausende – oder Immobilieninvestoren-Geisterstadt. Auch unter der Wasserlinie wird gebaut. Nur keinen Meter Grund verschwenden!

Das Irrationale überfordert uns

Lähmende, bleierne Zeit: Flugzeuge explodieren, Terror in Mali, Nigeria und Paris, Brüssel im Ausnahmezustand, Gewalt und Gegengewalt. Hektisch blutrot blinkende Live Updates beim Guardian wie beim Spiegel, die Welt wird mit jedem Reload-Enter schlimmer.

Humankind is a disgrace.

Kann man, muss man sich von den entsetzlichen Nachrichten lösen? Panik und Apathie dürfen nicht Dauerzustand sein; wir benötigen Mitgefühl, Menschlichkeit und Behauptungswillen.

Rechte und linke Kommentatoren überschlagen sich: sowas kommt von sowas, hier habt ihr die Ursachen, Kolonialismus, Religion, Radikalismus, Krise, Clash of Cultures, deren Schuld, unsere Schuld, eure Schuld, wir wissen es, wir wussten es schon immer.

Es sind hilflose Versuche Erklärungen zu finden, Ursachen zu benennen für das unerklärbare, das kausalitätslose Böse. Unsere Welt ist rational, das Irrationale überfordert unser Denken.

Wir werden damit leben müssen.

Schreiben.

Schreiben also, eine Novelle, einen seichten Schmöker, einen Ratgeber, ein Jugendbuch.

Die Idee tauchte immer wieder einmal auf, seit meinen frühen Science Fiction-Versuchen als Teenager und den mühsamen Abhandlungen in lederner Sprache im Studium, drängte sich ins Halblicht des Unterbewusstseins, für einige Augenblicke ein vager Umriss eines Gedankens, und ging doch stets im Strom des Alltags unter.

Und dann, beim Laufen am Fluss, ein Handlungsfragment, eine unvermittelte Eingebung, drei Kilometer weiter angereichert mit Figuren, mit Schauplätzen und weiteren Handlungssträngen, zur Geschichte gewachsen.

Schreiben beginnt mit Lesen. Selbst wenn die Geschichte nie begonnen, nie vollendet wird: die Bücher, die ich lese, für die ich mir Raum schuf, den ich glaubte nicht zu haben, sind mir Belohnung genug.

Dies ist mein Notizbuch.