Ein kurzes, langes, ereignisreiches Jahr

Es ist genau ein Jahr vergangen, seit ich den letzten Eintrag in diesem Blog gepostet und noch viel länger, seit dem ich einen Text verfasst habe. In diesem einen Jahr ist einiges geschehen, viele kleine und größere Ereignisse, politische Dramen, einige (zu wenige) gelesene Bücher. Vor allem aber habe ich mich sehr intensiv mit analoger und digitaler Fotografie beschäftigt und das Schreiben vernachlässigt.

Ich werde das Schreiben wieder aufnehmen, werde wieder regelmäßig posten, stay tuned, wie unser angelsächsischen Freunde zu sagen pflegen.

 

 

 

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13.7.16

Auf dem Heimweg sah ich einen Mann, dessen Anzugärmel so groß waren, dass ich für einen Moment dachte -und ein zweites Mal hinschaute- beide seine Arme seien amputiert, so leer und nutzlos hingen die Ärmel weit über seine Hände hinab.

Analog II

Das ist die Realität meines Notizbuch-Versuches: nach einigen halbherzigen Einträgen liegen die Hefte nun seit Tagen ungenutzt in der Schublade, bald werden sie unter Papier und Broschüren vergessen sein.

Die Idee ohne Ablenkung, offline, mit allen Sinnen zu schreiben war verlockend, aber die praktischen Vorteile des Smartphones haben gesiegt, das schnelle Tippen und Korrigieren meiner Ideen, automatisch gespeichert und Cloud-synchronisiert zum Laptop, an dem ich nahtlos weiterarbeiten kann. Die digitale Effizienz schlägt das liebenswert-altmodische Körperliche der Handschriftlichkeit.

Novembernachmittag

Diese Müdigkeit. Träge drehte er seinen Kopf weg vom Bildschirm und starrte aus dem bodentiefen Fenster. Die endlosen Glasfassaden der Bürotürme wurden nur wenige Male im Jahr gereinigt, von wettergegerbten, stets gut gelaunten Männern, die sich vom Dach abseilten, doch schon wenige Tage später beschränkten neue Schlieren aus Straßenschmutz und Regen seine Sicht.

Mühsam konnte er weit unten die Konturen der grauen, geduckten Sechzigerjahrebauten ausmachen, die schon seit Monaten leer standen und an deren Stelle bald ein neues Stahlskelett emporwachsen würde.

So müde. Er könnte zur Toilette schlendern und versuchen, in einer der Kabinen zu dösen. Er tat das oft, jetzt, im Spätherbst, da es nicht möglich war, mittags auf einer Parkbank einzunicken.

Toilettenschlaf, im Sitzen, inmitten des Geruchs und der Geräusche, die ihm unangenehm waren. Aber es war die einzige Möglichkeit, seine Augen zu schließen, und sein ganzer Körper sehnte sich danach, in den Halbschlaf zu gleiten, ein kaum beherrschbarer Drang.

Die Müdigkeit kam mit der Faulheit, und die Faulheit kam mit dem Desinteresse. Wenn ihn etwas wirklich begeisterte, konnte er Tag und Nacht arbeiten, wie im Fieber, sein Kopf fand keine Ruhe und Erholung benötigte er nicht.

Obsessiv nannte seine Familie ihn dann: „Wenn er so einen Spleen hat, gibt es für ihn nichts anderes!“ Er protestierte halbherzig, doch eigentlich hatten sie Recht. Er konnte nicht dagegen an, nur lesen wollte er, Informationen inhalieren, arbeiten wie besessen, jedes Gespräch lenkte er auf den Gegenstand seines Eifers, unfähig, über ein anderes Thema auch nur kurz nachzudenken. Er konnte die Welt einreißen. Wenn er wollte.

Aber dieser Job interessierte ihn nicht, hatte ihn noch nie interessiert, obwohl er sich schuldig fühlte, dass er so wenig tat und so wenig Dankbarkeit zeigte.

Er war obszön gut bezahlt, wahrscheinlich dafür, seine Rolle so exzellent zu spielen, wenn seine Schauspielkünste gefragt waren. Im Management-Kommittee hingen alle an seinen Lippen, wenn er seine Meinung zur Lage darlegte. Er zweifelte oft: Hielten sie ihn tatsächlich für so außergewöhnlich? Oder durchschauten sie ihn und ignorierten das Problem?

Manchmal versuchte er sich einzureden, sein Nichtstun sei ein klassenkämpferischer Akt: seine Faulheit schädige das System. Es waren Ausreden, so viel lieber wäre er wieder schöpferisch tätig.

Der Wind trieb Tropfen gegen die Scheibe, draußen lag düster die Stadt. Heute war nicht der Tag, sein Leben zu ändern.

Wikipedia. Spiegel Online. Die Zeit. Wikipedia. Handelsblatt. Titanic. Reload.

Er stand auf und schlurfte zur Toilette.

Erstaunliche Wendung

Mein Kollege M. gab bereitwillig Auskunft, geschmeichelt, dass ich mich interessierte: Ja, die Kolumnenschreiberei für das regionale Magazin mache Spaß, aber – das wüssten bisher nur wenige seiner Freunde – einen Roman würde er verfassen, ein richtiges Buch.

M. blickte sich prüfend um, neigte sich zu mir und raunte verschwörerisch: nur ein wenig mehr Disziplin, die Story sei bereits vollständig entwickelt und er habe sogar schon angefangen zu schreiben! Dann breitete er die Handlung vor mir aus, während ich mit ungläubiger Überraschung zuhörte, den Mund halb offen, sprachlos.

Hatte M. meine Notizen gelesen? Hatte jemand nicht dichtgehalten? Unmöglich! Ich hatte kaum jemandem überhaupt von meinem Buch erzählt. War die Idee so naheliegend? Wie viele andere Autoren versuchten sich gerade daran? Abweichungen in Details, aber sonst: der gleiche Plot!

Was nun?

Wüchse die Hoffnung

Wüchse die Hoffnung an einem Strauch,
Und die Freude an einem Baume,
Welch‘ herrlichen Strauß man pflücken könnt‘
In diesem Blütentraume!

Doch ach! Im stürmischen Herbst,
Wenn zarte Blumen vergehn im Wind,
Wie bewahrten wir Hoffnung, wie Freude,
die bald schon verblasset sind?

Christina Rossetti (1813-1894), Übersetzung C. Benedix

From SING-SONG (1893 )

If hope grew on a bush,
And joy grew on a tree,
What a nosegay for the plucking
There would be!

But oh! in windy autumn,
When frail flowers wither,
What should we do for hope and joy,
Fading together?

Schreiben.

Schreiben also, eine Novelle, einen seichten Schmöker, einen Ratgeber, ein Jugendbuch.

Die Idee tauchte immer wieder einmal auf, seit meinen frühen Science Fiction-Versuchen als Teenager und den mühsamen Abhandlungen in lederner Sprache im Studium, drängte sich ins Halblicht des Unterbewusstseins, für einige Augenblicke ein vager Umriss eines Gedankens, und ging doch stets im Strom des Alltags unter.

Und dann, beim Laufen am Fluss, ein Handlungsfragment, eine unvermittelte Eingebung, drei Kilometer weiter angereichert mit Figuren, mit Schauplätzen und weiteren Handlungssträngen, zur Geschichte gewachsen.

Schreiben beginnt mit Lesen. Selbst wenn die Geschichte nie begonnen, nie vollendet wird: die Bücher, die ich lese, für die ich mir Raum schuf, den ich glaubte nicht zu haben, sind mir Belohnung genug.

Dies ist mein Notizbuch.