Jubilee Line, Waterloo.

Die hinunterrasselnden Rolltreppen bewegen sich ohne Unterbrechung, Tag und Nacht, stetig, rastlos: in der Rush Hour, wenn Commuter dicht an dicht drängeln oder um 2 Uhr morgens, dann völlig leer, klopfende, scheppernde, ewig abwärts gleitende mechanische Ungeheuer, Perpetuum Mobiles des Public Transports. Die Kanten der metallgerippten Stufen sind in weichen Bögen abgerundet, poliert von tausenden und abertausenden Schuhen, auf der linken Seite tiefer als rechts: links gehen, rechts stehen.

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Ein kurzes, langes, ereignisreiches Jahr

Es ist genau ein Jahr vergangen, seit ich den letzten Eintrag in diesem Blog gepostet und noch viel länger, seit dem ich einen Text verfasst habe. In diesem einen Jahr ist einiges geschehen, viele kleine und größere Ereignisse, politische Dramen, einige (zu wenige) gelesene Bücher. Vor allem aber habe ich mich sehr intensiv mit analoger und digitaler Fotografie beschäftigt und das Schreiben vernachlässigt.

Ich werde das Schreiben wieder aufnehmen, werde wieder regelmäßig posten, stay tuned, wie unser angelsächsischen Freunde zu sagen pflegen.

 

 

 

Waterloo

Er war Mitte 50, mit auffälliger Designerbrille und leicht zurückstehendem Unterkiefer, im freundlichen Gesicht eine Kartoffelnase, Dreitagebart, trug Sakko zur Jeans, seine ganze Erscheinung bemüht jugendlich, locker, zu locker. Seine Eroberung, 15 Jahre jünger, von sekretärinnenhafter Attraktivität, mit dünnen, hängenden Haaren, unscheinbar im Businesskostüm, schmiegte sich an ihn.

Kichernd flüsterten sie sich Zärtlichkeiten ins Ohr, kitzelten und neckten sich, als der Zug der Waterloo & City Line in den morgendlich überfüllten U-Bahnhof einfuhr.

Die Menge der schweigend Wartenden war unübersehbar, dicht gedrängt, Kopf an Kopf, Körper an Körper füllte sie den Bahnsteig, ordnete sich zur vierfachen Schlange, die sich aus dem Tor heraus, breit die Treppen ausfüllend auf die Zwischenebene wand, wo der Schlangenschwanz weite Bögen beschrieb und sich schließlich in hastender Geschäftigkeit verlor.

Hier befand sich ein kleiner Monitor und man konnte beobachten, was unten am Bahnsteig passierte: drei der in kurzem Abstand startenden U-Bahnen dauerte es, drei mal musste sich die Menge trippelnd in Bewegung setzen und wieder stoppen, bis man auf dem Bahnsteig anlangte. Einen der raren Sitzplätze in der Bahn bekam nur, wer, geduldig Schritt für Schritt vorrückend, direkt vor der Tür des einfahrenden Zuges zum Stehen kam.

Die beiden Verliebten hatten Glück, drängten händchenhaltend in den Waggon und ließen sich in die der Tür nächsten Sitze fallen. Stolz auf diesen morgendlichen Erfolg beugte er sich lächelnd zu ihr, spitzte die Lippen, ganz nah vor ihrem Gesicht und stieß ein triumphierendes „Boooom!“ aus, das sie mit einem zärtlich-bewundernden „Boom!“ erwiderte. Dann rieben sie ihre Nasenspitzen.

Analog II

Das ist die Realität meines Notizbuch-Versuches: nach einigen halbherzigen Einträgen liegen die Hefte nun seit Tagen ungenutzt in der Schublade, bald werden sie unter Papier und Broschüren vergessen sein.

Die Idee ohne Ablenkung, offline, mit allen Sinnen zu schreiben war verlockend, aber die praktischen Vorteile des Smartphones haben gesiegt, das schnelle Tippen und Korrigieren meiner Ideen, automatisch gespeichert und Cloud-synchronisiert zum Laptop, an dem ich nahtlos weiterarbeiten kann. Die digitale Effizienz schlägt das liebenswert-altmodische Körperliche der Handschriftlichkeit.

15.12.15: Barbican, London

Der mittägliche Besuch im Barbican löst warme, wohlige Gefühle aus: Musik,  Kultur, die Intensität der Sechzigerjahre-Architektur, spärliches Kunstlicht im Inneren, das Glück, Bestandteil eines Größeren, unter Gleichgesinnten zu sein. Durch ein Fenster sehe ich eine Cellistin konzentriert üben, ihr Lehrer wendet den Blick nicht, versunken in die Musik. Die  Springbrunnen und Kaskaden unter dem überdachten High Walk rauschen, ein athletischer, junger Tänzer, das Haar einseitig geschoren, gekleidet in Schwarz, dreht Pirouetten, wieder und wieder, das Wasser sein Orchester. Schrieb S., dass ich sie liebe, ein Gefühl, das mich unversehens überwältigte. Sie, das Leben, die Kunst, die Künstler.

Novembernachmittag

Diese Müdigkeit. Träge drehte er seinen Kopf weg vom Bildschirm und starrte aus dem bodentiefen Fenster. Die endlosen Glasfassaden der Bürotürme wurden nur wenige Male im Jahr gereinigt, von wettergegerbten, stets gut gelaunten Männern, die sich vom Dach abseilten, doch schon wenige Tage später beschränkten neue Schlieren aus Straßenschmutz und Regen seine Sicht.

Mühsam konnte er weit unten die Konturen der grauen, geduckten Sechzigerjahrebauten ausmachen, die schon seit Monaten leer standen und an deren Stelle bald ein neues Stahlskelett emporwachsen würde.

So müde. Er könnte zur Toilette schlendern und versuchen, in einer der Kabinen zu dösen. Er tat das oft, jetzt, im Spätherbst, da es nicht möglich war, mittags auf einer Parkbank einzunicken.

Toilettenschlaf, im Sitzen, inmitten des Geruchs und der Geräusche, die ihm unangenehm waren. Aber es war die einzige Möglichkeit, seine Augen zu schließen, und sein ganzer Körper sehnte sich danach, in den Halbschlaf zu gleiten, ein kaum beherrschbarer Drang.

Die Müdigkeit kam mit der Faulheit, und die Faulheit kam mit dem Desinteresse. Wenn ihn etwas wirklich begeisterte, konnte er Tag und Nacht arbeiten, wie im Fieber, sein Kopf fand keine Ruhe und Erholung benötigte er nicht.

Obsessiv nannte seine Familie ihn dann: „Wenn er so einen Spleen hat, gibt es für ihn nichts anderes!“ Er protestierte halbherzig, doch eigentlich hatten sie Recht. Er konnte nicht dagegen an, nur lesen wollte er, Informationen inhalieren, arbeiten wie besessen, jedes Gespräch lenkte er auf den Gegenstand seines Eifers, unfähig, über ein anderes Thema auch nur kurz nachzudenken. Er konnte die Welt einreißen. Wenn er wollte.

Aber dieser Job interessierte ihn nicht, hatte ihn noch nie interessiert, obwohl er sich schuldig fühlte, dass er so wenig tat und so wenig Dankbarkeit zeigte.

Er war obszön gut bezahlt, wahrscheinlich dafür, seine Rolle so exzellent zu spielen, wenn seine Schauspielkünste gefragt waren. Im Management-Kommittee hingen alle an seinen Lippen, wenn er seine Meinung zur Lage darlegte. Er zweifelte oft: Hielten sie ihn tatsächlich für so außergewöhnlich? Oder durchschauten sie ihn und ignorierten das Problem?

Manchmal versuchte er sich einzureden, sein Nichtstun sei ein klassenkämpferischer Akt: seine Faulheit schädige das System. Es waren Ausreden, so viel lieber wäre er wieder schöpferisch tätig.

Der Wind trieb Tropfen gegen die Scheibe, draußen lag düster die Stadt. Heute war nicht der Tag, sein Leben zu ändern.

Wikipedia. Spiegel Online. Die Zeit. Wikipedia. Handelsblatt. Titanic. Reload.

Er stand auf und schlurfte zur Toilette.